(Deutschlandfunk 19/1/2020) Vor über 100 Jahren schon fuhr die legendäre Transandenbahn von Chile nach Argentinien. Aber die Zugverbindung vom Pazifik zum Atlantik gibt es nicht mehr. Inzwischen geht es schneller mit dem Bus, geblieben sind aber die beeindruckenden Berge der Anden und die schönen Landschaften.

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Valparaíso, du bist ein bunter Regenbogen und deine Frauen sind wie weiße Margeriten, die aus dem Meer gepflückt sind. So besingt der chilenische Musiker Joe Vasconcellos die chilenische Hafenmetropole am Pazifik. Im Jahr 2003 erklärte die Unesco die Altstadt von Valparaíso zum Weltkulturerbe. Wie ein Regenbogen ziehen sich die vielen bunten Häuschen vom Hafen aus den steilen Hang hinauf. Sie geben der Stadt ihr fröhliches Gesicht.

Die alte Hafenstadt Valparaíso ist die erste Station auf meiner Reise. Von hier aus will ich mit dem Reisebus quer durch Südamerika bis in die argentinische Hauptstadt Buenos Aires fahren. Valparaíso liegt im nördlichen Teil von Chile auf der Höhe der Hauptstadt Santiago de Chile. Bis zu den Anden, die das Land von Nachbarland Argentinien trennen, sind es rund sechs Stunden. Dann folgt die Buslinie den alten Handelsstrecken bis auf 4000 Meter hohe Andenpässe und schließlich bergab in die argentinische Pampa bis zum Fluss Rio de la Plata, der in den Atlantik mündet. Dort liegt meine letzte Station: Buenos Aires. Die Reiseroute ist rund 1500 Kilometer lang. Das ist in etwa so weit wie von Berlin bis ans Mittelmeer.

Zum Haus des chilenischen Dichters Pablo Neruda

„Unsere Fahrkarten haben wir doch auf dieser Welt schon bezahlt! Warum, warum dürfen wir uns dann nicht setzen und essen? Wir möchten nur den Wolken nachschauen, möchten Sonne trinken, Salz riechen, wir wollen wirklich niemanden stören, es ist ganz einfach, Fahrgäste sind wir.“

In Valparaíso scheint fast immer die Sonne und die Temperaturen sind mild. Im Sommer ist es nicht zu heiß und im Winter nicht zu kalt. Auf dem Weg zum Haus von Pablo Neruda komme ich aber trotzdem ins Schwitzen. Es liegt an einem steilen Hang. Die Straße geht in einem gefühlt senkrechten Winkel nach oben. Der berühmte chilenische Dichter Pablo Neruda kaufte hier Anfang der 1960er Jahre ein Wochenendhaus. Wurde es dem Dichter in der Hauptstadt Santiago de Chile zu hektisch, kam er in die romantische Hafenstadt.

Der Aufstieg hat sich gelohnt. Der Dichter Sergio Muñoz lädt mich zu einer kleinen Tour durch das Haus ein.

Bis zum Horizont der Pazifik

Aus den großen Fensterfronten des fünfstöckigen Hauses schaue ich auf die kleinteilige Stadt hinunter: Zwischen den kleinen Häuschen mit Wellblechdächern, den bunten Fassaden der alten Villen und den Steinhäusern am Hafen im spanischen Kolonialstil stehen ein paar Hochhäuser und der Neubau des chilenischen Parlaments. Dahinter liegt bis zum Horizont der Pazifik, wie ein flacher Teller, spiegelglatt und bestückt mit Fischerbooten. Am Ufer ankert ein riesiges Kreuzfahrtschiff.

„Das ist das fünfte und oberste Stockwerk des Hauses. Hier war Nerudas Schreibstube. Die Wände sind aus Holz und das Dach aus Zink. Er bestand auf ein Zinkdach, weil es ihm gefiel, dem Regen zuzuhören und die Naturgewalten zu spüren. Wenn der Wind bläst oder es ein Gewitter gibt, dann knackt, prasselt und rumpelt es an allen Ecken und Enden. “

Der Nationalpark Juncal in den Anden, auf der chilenischen Seite mit dem Gletscher Juncal (Susanne Götze)Der Nationalpark Juncal in den Anden, auf der chilenischen Seite mit dem Gletscher Juncal (Susanne Götze)

Sergio Muñoz hält die Erinnerung an den 1973 verstorbenen Dichter wach. Er erzählt gern aus dem Alltagsleben und den Vorlieben des Nobelpreisträgers. Mich interessiert besonders Nerudas Leidenschaft für das Reisen. Ich frage Sergio Muñoz, wie Neruda früher nach Europa gekommen ist.

„Die ersten Reisen unternahm Pablo Neruda mit dem Schiff. Als er 1927 das erste Mal sein Heimatland Chile verlässt, nimmt er den Zug von Valparaíso bis nach Mendoza in Argentinien, das ist etwa die Hälfte der Strecke. Von dort aus fuhr er weiter mit der Bahn bis in die Hauptstadt Buenos Aires. Dann nahm er schließlich das Schiff nach Europa.“

Der Zug brauchte damals 36 Stunden

Das ist genau dieselbe Strecke, die ich zurücklegen will, denke ich. Allerdings gibt es die Zugverbindung vom Pazifik zum Atlantik nicht mehr, erklärt mir der Dichter. Der legendäre Zug brauchte damals 36 Stunden. Mit dem Reisebus dauert die gesamte Strecke heute nur noch 24 Stunden. Doch ich will mir Zeit lassen und die schönen Landschaften nicht nur vom Bus aus sehen.

Vom Haus des Dichters bis zum Hafen sind es zu Fuß nur zehn Minuten. Valparaíso war zusammen mit San Francisco früher einer der bedeutendsten Häfen der amerikanischen Westküste. Von hier aus legten Passagierschiffe nach Asien oder Australien ab. Nach Europa jedoch musste man den Umweg über Kap Hoorn oder die Magellanstraße am Südzipfel des Kontinents machen. Später reiste man wie Pablo Neruda bequem mit der Bahn – einmal quer durch den Kontinent bis nach Buenos Aires.

Der Busterminal von Valparaíso liegt gegenüber dem chilenischen Parlament. Ich löse eine Fahrkarte nach Los Andes. Der Ort ist die nächste Etappe auf dem Weg in die Anden. Doch die Abfahrt ist turbulenter als zuerst gedacht.

Felsenspitzen ragen in den blauen Himmel

In diesen Tagen sind die Chilenen schon seit Wochen auf der Straße, um gegen den Präsidenten und die sozialen Missstände zu protestieren. Das Terminal ist umhüllt von einer Tränengaswolke. Reisende und Busfahrer husten und niesen. Vor der Station liefern sich Demonstranten und Carabineros ein Scharmützel. Aber zu meiner Überraschung fahren die Busse pünktlich ab. Ich erinnere mich an die Worte von Sergio Muñoz. Er sagte mir zum Abschied, dass Pablo Neruda heute sicher auch auf der Straße wäre und mitdemonstrieren würde.

Mit diesem Gedanken steige ich den heruntergekühlten Überlandbus. Draußen sind 28, im Bus nur eisige 15 Grad. Es sind gut 40 komfortable Sitze, aber ich bin allein mit einer Mutter und ihrem Sohn.

Der Busfahrer fährt in einem flotten Tempo die gut ausgebaute chilenische Autobahn bis nach Los Andes. Als wir in den Ort einfahren, ist die Bergkette der Anden schon in Sichtweite. Anfangs konnte ich nicht unterscheiden, was Wolken und was Berge sind. Nun, am späten Nachmittag, ist es aufgeklart und die hohen Felsenspitzen ragen in den blauen Himmel. Los Andes liegt auf 800 Meter Höhe. Die schneebedeckten Berge am Horizont erreichen fast 7000 Meter. Es sind nach dem Himalaya-Gebirge die höchsten Gipfel der Erde.

Über 250 Kilometer fuhren Dampflokomotiven über die Anden

In Los Andes suche ich den alten Bahnhof der Ferrocarril Trasandino – der alten Transandenbahn. Über 250 Kilometer fuhren Dampflokomotiven und später die elektrifizierten Bahnen über die Anden bis in die argentinische Stadt Mendoza auf der anderen Seite der Gebirgskette. Fast fünfzig Jahre planten Chilenen und Argentinier die technisch aufwendige Strecke. Sie bestand aus Stahl-Brücken über schwindelerregenden Schluchten, einem schmalen Gleisbett an steilen Hängen und langen, dunklen Tunneln. Die Mühen hatten sich gelohnt. Im Jahr 1910 konnten Chilenen und Argentinier das erste Mal bequem mit der komfortablen Bahn vom Pazifik zum Atlantik reisen.

Zu meiner Überraschung liegt der alte Bahnhof genau neben dem Busbahnhof. Das weiße Gebäude sieht gut erhalten aus. Natürlich ist es geschlossen, aber durch die Fenster sehe ich ein Wandgemälde. Es heißt „El Abrazo de los Pueblos“, die Umarmung der Völker und symbolisiert die chilenisch-argentinische Freundschaft. Darauf abgebildet sind auch die gemeinsamen Helden beider Länder. Es sind Männer wie José de San Martin, die Chilenen und Argentinier in die Unabhängigkeit führten und die Herrschaft der spanischen Krone beendete.

Ein Stück weiter treffe ich zwei ältere Frauen in einem kleinen Getränkeladen neben den Bahngleisen. Sie können sich noch gut an die alte Bahn erinnern.

Am Gletscher Juncal

Früher haben sie die Bahn genommen, um Verwandte zu besuchen, erzählt eine von ihnen. Bis in die Berge konnte man damit fahren oder auch nach Valparaíso bis ans Meer. Doch das ist schon lange vorbei, versichern mir die beiden Frauen. Die fantastische Geschichte der Transandenbahn endete Anfang der 1980er-Jahre, als die Strecke immer unrentabler wurde, weil es immer mehr Busse gab. Als schließlich eine Lawine den chilenischen Grenzübergang verschüttete, stellten die Betreiber die Strecke ganz ein.

Am nächsten Morgen geht es früh los. Ich habe am Abend Martin, Carolina und ihren Sohn Nico kennengelernt. Wir fahren mit dem Auto in das einzige Naturreservat der Gegend. Es heißt „Parque Andino Juncal“ und liegt auf 2500 Metern. Die Stimmung ist ausgelassen und Nico hat schon einen Andenkondor entdeckt. Alle staunen über den riesigen Vogel, der zwischen den nackten Felsen dahingleitet. Seine Flügel haben eine Spannbreite bis zu drei Metern. Vor den mächtigen Berghängen sieht er trotzdem sehr klein aus, bemerkt Carolina. Dann biegen wir auf einen Schotterweg ab, hinein in das Tal Juncal. Rechts und links türmen sich rotbraune Berghänge auf und parallel zu der kleinen Straße schlängeln sich die alten Bahngleise der Transandenbahn die steilen Hänge hinauf.

Kurz darauf kommen wir an der verfallenen Bahnstation „Hermanos Clarck“ vorbei, benannt nach den Erbauern der Bahnstrecke, Juan und Mateo Clarck. Sie steht einsam im Tal zwischen den kahlen Felsen. Ein Stück weiter sehen wir den Gletscher Juncal. Er liegt wie ein weißes Laken auf einem 6000 Meter hohen Gipfel. Schließlich erreichen wir eine einsame Berghütte. Dort erwartet uns ein warmes Mittagessen mit den Parkhütern, den „Guarda Parque“ .

In engen Kurven bis auf 4000 Meter

Auf einem Spaziergang erzählt mir die Parkhüterin Ana von ihrem Leben im Nationalpark. Die 24-Jährige wohnt die Hälfte des Monats in der einsamen Berghütte. Für die junge Chilenin ist es ein Traumjob.

„Es gibt kaum etwas Beeindruckenderes als einen Gletscher. Ihn zu berühren ist die emotionalste Erfahrung, die man machen kann. Es ist eine große, majestätische Schönheit – massiv und so zerbrechlich zugleich. Ich fühle mich stark verbunden mit der Landschaft hier. Es ist wunderbar hier zu arbeiten.“

Auf der Wanderung im Nationalpark Juncal mit Ana und Nico in Chile, am Horizont der Gletscher Juncal (Susanne Götze)Auf der Wanderung im Nationalpark Juncal mit Ana und Nico in Chile, am Horizont der Gletscher Juncal (Susanne Götze)

Ich übernachte in einem kleinen Hostel in der Nähe des Nationalparks und steige am Morgen in den Reisebus, der mich über den Paso de la Cumbre nach Argentinien bringen soll. Er fährt von Los Andes in Chile bis nach Mendoza, der ersten größeren Stadt auf der anderen Seite. Wir fahren auf dem Camino International, der einzigen Straße zur Grenze. Die schlängelt sich in engen Kurven bis auf 4000 Meter hinauf. Wieder fährt der Reisebus parallel zu den alten Schienen der Transandenbahn. Ich schaue den Gleisen stundenlang nach: Sie führen über schmale Felsvorsprünge und marode Brücken.

Eine Oase in den Bergen

Auf dem Gipfel kurz hinter der Grenzkontrolle sehe ich das alte Bahnhäuschen „Puente del Inca“ und stelle mir vor, wie Pablo Neruda hier einst eine kleine Kaffeepause gemacht hat, bevor es weiter ging Richtung Argentinien. Die Luft auf fast 4000 Metern ist dünn. Ich atme schwer. Die argentinischen Grenzbeamten rauchen eine Zigarette nach der nächsten und sind an die Höhenluft gewöhnt. Auch im Bus bin ich scheinbar der einzige Tourist. Bis Mendoza starre ich gebannt aus dem Fenster. Argentinier und Chilenen dagegen schlafen oder schauen einen Film. Ich höre mir den argentinischen Musiker Oscar Miranda an. Zusammen mit der Felsenlandschaft, die sich draußen bietet, ist das der beste Film überhaupt.

Ich kann mich nicht sattsehen an den spitzen Felsvorsprüngen, den rote Bergrücken, Schotterhängen und jede Menge blühender Kakteen. Inmitten der Ödnis wachsen die stachligen Bäumchen aus dem Gestein und sie tragen weiß-rote Blütenstengel. Schließlich fahren wir auf rund 2000 Metern in eine flache Wüstenlandschaft hinein. Die erste kleine Ortschaft mit dem Namen Uspallata erscheint wie eine Oase: Ein paar Häuschen, umgeben von Pappeln und schattenspendenden Platanen.

In Mendoza schließlich sind wir auf einer Höhe von etwas mehr als 700 Metern angekommen. Die Anden sieht man von hier aus nur noch am Horizont. Dafür gibt es jede Menge Wein. Schon 30 Kilometer vor Mendoza ziehen schnurgerade Rebreihen an uns vorbei. Die Gegend wirkt so, als wäre ich gerade in Südfrankreich angekommen. Die Landschaft ist karg, aber mit grünen Bauminseln durchsetzt. Ab und zu tauchen zwischen den Rebstöcken gepflegte weiße Häuser auf, die sich hier Bodega nennen. Ich habe mir Maipú ausgesucht, ein Weingebiet rund 20 Kilometer außerhalb des hektischen Mendoza.

Eine Wüste wurde zu einem Weinanbaugebiet

In Maipú besuche ich das kleine Familien-Weingut Bodega El Cerno. Hier arbeitet Carla Martinez Petrus. Die 30-Jährige hat langes schwarzes Haar, elegante Ohrringe und ist eigentlich Sängerin. Aber sie arbeitet nebenbei in der Bodega ihrer Familie und erklärt den Gästen, wie die Trauben geerntet, fermentiert und schließlich gelagert werden.

„Es ist weltweit einmalig, dass sich eine ehemalige Wüste zu einem der bedeutendsten Weinanbaugebiete entwickelt hat. Der Boden ist felsig und trocken, die Nächte sind kalt. Nur dank des Flusswassers und der vielen Sonnenstunden ist Mendoza heute eine sehr reiche Region.“

Und wie schmeckt ein argentinischer Medoc aus der Region Mendoza, frage ich Carla. Was ist das Besondere an seinem Bouquet?

„Der Wein ist süßer und fruchtiger als der Wein in Europa. Das kann man nicht mit französischen oder italienischen Weinen vergleichen. Die sind trockener, leichter und einfacher. In Mendoza ist die Sonne so stark, dass sie den Trauben einen besonders fruchtigen, vollen Geschmack gibt. Deshalb sind die Weine hier so einzigartig.“

Schweren Herzens verlasse ich Carla, ihr kleines Weinparadies mit der alten Finca und der idyllischen Terrasse mit Blick auf die Weinreben. Und weiter geht es Richtung Buenos Aires.

Zwölf Stunden wilde Gras- und Weidenlandschaften

Bis Buenos Aires sind es immer noch über zwölf Stunden. Die letzte Strecke ist eine Reise durch endlose Wiesenlandschaften. Stundenlang sehe ich weder Häuser noch Menschen. Nur braune Rinder, Pferdekoppeln und die schnurgerade Straße mit wenigen Autos und Bussen. Ich bin in der argentinischen Pampa angekommen.

Am nächsten Morgen sind wir schon in den Vororten von Buenos Aires. Nach über zwölf Stunden wilder Gras- und Weidenlandschaft zeigt sich nun das genaue Gegenteil: weiße Häuser und Wellblechverschläge dicht an dicht gereiht, Kinder auf dem Weg zu Schule, beladene Motorräder, Werbetafeln, Autobahnbrücken. Hier leben 16 Millionen Menschen auf kleinstem Raum. Buenos Aires ist die stark konzentrierte südamerikanische Lebensart. Es ist laut, dreckig und wunderschön zugleich.

Als ich schließlich am Hafen stehe, denke ich kurz, ich sei schon am Meer. Denn Buenos Aires liegt am breitesten Fluss der Welt, dem Rio de la Plata. Die andere Seite – dort liegt Uruguay – kann man nicht sehen. Es sind nochmal mindestens 150 Kilometer, bis der riesige Fluss in den Atlantik mündet. Von Buenos Aires aus fahren heute die meisten Passagierschiffe nach Uruguay. Als Pablo Neruda hier vor 90 Jahren stand, erwartete ihn eine wochenlange Überfahrt über den Atlantik bis nach Spanien. Ich aber kehre zurück ins Zentrum von Buenos Aires und denke ein letztes Mal an Nerudas Gedichtzeilen.

„Alle sind wir auf der Durchfahrt und mit uns die Zeit: Das Meer zieht vorbei, die Rose nimmt Abschied, die Erde fährt hin durch Schatten und Licht, und ihr und wir, alles Fahrgäste, wir fahren dahin.“